KINDMAN × VIETNAM
Nichtsahnend läuft man nachts durch die Straßen. Und auf einmal ist es passiert: Du wirst Opfer der Corn Addiction.
Der Täter: ein kleiner, gläserner Essenswagen, der nachts vor dem Convenience Store um die Ecke erscheint. „Bắp xào“ steht in dicken roten Buchstaben darauf. Hinter dem Wagen steht er: der Mais-Mann.
Ohne eine Mine zu verziehen beginnt der Mais-Mann sein Werk mit einer guten Kelle Mais in seinem Wok. Das shrimpdurchzogene Öl gibt bereits Anlass zur Sorge – doch damit ist noch lange nicht genug.
ALLES, was Geschmack gibt, landet nach und nach im Wok:
- Margarine
- mehr zerhackte Shrimps
- löffelweise Zucker
- löffelweise MSG
- ein gesalzenes Enteneigelb, rund wie ein Tischtennisball
- motherfucking Speckwürfel
- Chiliflocken
- mehr Margarine
- (nach Geschmacksprobe und wildem Kopfnicken) noch mehr Chiliflocken
- zwei Kellen Frühlingszwiebeln
Völlig unbeeindruckt von dieser teuflischen Kombination und der nervös auf den Zähnen kauenden Kundschaft vollbringt der Mais-Mann sein Werk – er brät, er addiert Zutaten, er wendet, er brät weiter.
Eine Portion nach der nächsten. Ganz genüsslich im Zehn-Minuten-Takt.
Das Ergebnis: brutal. Eine Geschmacksexplosion. Mais on crack. Augenblickliche Sucht.
Ohne ein kühles Bier zur Beruhigung der Nerven wäre es in dieser Nacht vielleicht um mich geschehen.
Gerade noch mal gut gegangen.

Ich bin bei weitem nicht der erste langhaarige, bärtige Dude, der sich in Vietnam einen Namen macht.
Historisch lässt sich vielleicht nicht eindeutig nachweisen, dass Jesus persönlich durch die Straßen von Ho-Chi-Minh-Stadt gewandert ist, beim eigenen Wandern durch die Stadt lässt sich sein Einfluss aber eindeutig ausmachen – besonders in den vielen prunkvollen und gut besuchten Kirchen an jeder zweiten Ecke. Und wie so oft bei exportierten Glaubensprodukten finden sich auch in Vietnam interessante Anpassungen an den Zielmarkt.
Meine bisherigen zwei Beobachtungen:
LEDs: Das Licht des Heiligen Geistes strahlt an und in vietnamesischen Kirchen bunt und pulsierend durch den Einsatz vieler glitzernder LED-Lichterketten, wie ich sie sonst nur von amerikanischen Weihnachtsbäumen kenne. Das schafft mehr Aufmerksamkeit als eine langweilige Kerze und ist energiesparender als ein Flutlichtscheinwerfer.
Mopeds: Es ließe sich die Hypothese aufstellen, dass das Moped seine eigene Religion in Ho-Chi-Minh-Stadt ist. Es konkurriert hier aber nicht mit der Kirche, sondern koexistiert friedlich: Die Kirchen sind sichtbar auf ein motorisiertes Publikum ausgelegt, mit einigen besonders zeitkritischen BesucherInnen, die von der Straße aus auf dem Moped sitzend am Gottesdienst teilnehmen.
Shiny McJesus Drive-Through. Why not, though?

Was ist der einfachste Weg, in einem fremden Land vegetarische Versionen klassischer Gerichte zu finden?
Richtig.
Geh in die touristischste Gegend – zum Beispiel zum Independence Palace in Ho Chi Minh – und such dir den touristischsten Food Market.
Manchmal kann man sich eben auch eingestehen, dass man ein dummer Tourist mit touristischen Ansprüchen ist.
Vegetarisches Bánh xèo zum Beispiel – ein knusprig-dünner Pancake aus Reismehl mit Füllung, den man sich in Salatblätter eingewickelt und gedippt ins Gesicht schiebt.
In normalen Restaurants würden sie sich an den Kopf fassen, warum man den jetzt mit Tofu statt mit Krabben, Tintenfisch oder Schweinefleisch will.
Schmeckt doch gar nicht.
Doooch. Schmeckt auch ganz lecker. Zumindest wenn man noch frisch im Land ist und noch nicht bereit, die Tiere im Original mitzuessen. Ich sag mal 7/10 lecker - geschmacklich auch für ein internationales Publikum recht sicher.
Und auf dem Klo gibt’s Raumduft-Lufterfrischer aus frischer Ananas. Gibt immer was zu sehen.
Touri-Wochen-Finale halt. Morgen geht’s wieder an die Arbeit.















Das Finale der Touristen-Einführungswoche: der Independence Palace.
Ich habe den Besuch aufgeschoben, weil meine Erwartungen doch etwas gezügelt waren.
Ein riesengroßes, eingezäuntes Areal mit vielen Reisebussen und einem ehemaligen Regierungssitz in der Mitte erzeugte in mir das Bild eines durch gesichtslose Büroräume geschleusten Museumsbesuchs, was mir wenig attraktiv erschien. Mir war aber auch die historische Signifikanz des Ortes bewusst – immerhin saß hier die Regierung Südvietnams (die mit US-Support), und als die Panzer der nordvietnamesischen Armee (die Roten) hier einrollten, war dies das Ende des Krieges.
Also, wie so oft: hingespackt und angeglotzt.
Was ich vorfand, war jedoch alles andere als erwartet. Am besten kann ich es wohl als ein absolutes Vibe-Fest beschreiben.
Die vielen Räumlichkeiten des ehemaligen Regierungssitzes standen alle zur Begehung frei und wirkten so, als wäre der Betrieb hier vor wenigen Tagen eingestellt worden.
Wie ein Zeitreisender erkundete ich die 70er-Jahre-Einrichtung in den zahlreichen Konferenz- und Versammlungsräumen, Büros, aber auch einem Kinosaal, einem Rooftop-Café und einem Gaming-Room. Die Jungs wussten zu leben, das muss man ihnen lassen.
Das ultimative Highlight war jedoch unter der Erde zu finden: Die Atmosphäre im Bunker war greifbar intensiv – als hätten die Räume die Hoffnung auf einen Sieg noch nicht aufgegeben.
Die ganze Erfahrung war eher eine ästhetische als eine sachlich-informative, was mir am Ende dieser intensiven Woche sehr zusagte und was ich hoffentlich in den Bildern in Ansätzen einfangen konnte.
Das Bild des durchs Tor brechenden Panzers ist in Souvenirläden wie dem Museumsshop übrigens allgegenwärtig – sogar als Diorama-Bastelset.
Vor Ort konnte ich mich noch nicht zum Kauf entscheiden – jetzt will ich es umso mehr.
I need Diorama in my life.









Leute, ich halt's nicht aus - warum hat mich da niemand drauf vorbereitet?
„Oh, das vietnamesische Essen! Das vietnamesische Essen! Das ist ja so gut! Ja!“ haben sie immer gesagt. Kann ja sein.
Aber warum redet eigentlich niemand über die völlig irrsinnige Kaltgetränkekultur in Vietnam?
Sicherlich – vom vietnamesischen Kaffee (also stark und mit sehr viel süßer Kondensmilch) hat man vielleicht schon mal gehört. Und dass man den in einem Land, in dem es ständig über 30 Grad hat, als Eiskaffee trinkt („Cà phê sữa đá“ – wörtlich „Kaffee Milch Eis“), überrascht nun vermutlich auch niemanden. Dass der sogar mir schmeckt, ist vielleicht schon durchgeklungen.
ABER!
Das ist ja noch längst nicht alles. Das Land ist gefüllt mit Cafés, die auf bodennahen Sitzen mit Blick auf die Straße zum Verweilen, Kaltgetränke-Schlürfen und Auf-die-Straße-glotzen einladen. Und die Karten der Cafés sind gefüllt mit den farbenfrohsten und geschmackreichsten Kreationen, die man sich vorstellen kann.
Mal ein winziger Auszug:
Eistee-Variationen mit echtem Tee und echtem Sirup – und manchmal sogar echten Früchten wie etwa ungesalzenen, frischen Kumquats
Limonade mit gesalzenen, kandierten Kumquats
Kaffee mit gefrorener Kokosmilch (quasi als Slushy) und Jelly-Cubes
Milkshake-Smoothie-Kombinationen mit aufgequollenen Lotussamen
eiskühlter Matcha-Latte mit zerstampften Himbeeren auf dem Grund
Ich überlege, ob ich eine Datenbank anlegen sollte. Diese Vielfalt gehört dokumentiert!
Also mindestens Teil 2.
BONUS! Zu vielen Getränken bekommt man einfach mal gratis einen eiskühlen Grüntee dazu, der selbst schon Bombe schmeckt.







Das Woche-1-Hardcore-Tourie-Programm geht weiter.
Nicht weniger als ein Rundumschlag durch die vietnamesische Gesamtgeschichte gibt es im History Museum of Ho-Chi-Minh-City zu sehen: von prähistorischen Urmenschen bis zur Gründung des modernen Vietnams wird hier jede Episode mit Hilfe gut dokumentierter Keramik- und Metallfragmente unter die Lupe genommen.
So weit, so gut.
Das wahre Highlight der Museumdidaktik waren für mich jedoch die Dioramen, die die vielen kriegerischen Konflikte darstellten, welche die Geschichte des Landes geprägt haben und das Grundverständnis Vietnams als ein Land der Resilienz und des Widerstandes unterstreichen.
Ich könnte euch jetzt diese Gesamtgeschichte Kapitel für Kapitel nacherzählen – ich erinnere mich ja an alles.
ODER
ich scanne für euch eine dieser fantastischen Miniaturwelten.
Denn wenn ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, dann sagt ein 3D-Scan eines handgebastelten Schlachtenszenarios mehr als… 1500 Worte?
Auf zum Kunstraub Teil 2!
'The Battle of Bạch Đằng River'
Der zweite Kunstraub ging zugegebenermaßen nicht so reibungslos vonstatten wie der erste.
Das Objekt der Begierde - das handgebastelte Diorama einer historischen Seeschlacht - befand sich hinter einer Scheibe, von der ich nur vermuten kann, dass sie aus zentimeterdickem Panzerglas bestand, was die Tat (den Scan) erheblich erschwerte.
Ich hoffe, die Dramatik der Schlacht wird trotzdem noch deutlich und mit welcher Beharrlichkeit die Vietnamesen hier ihre Heimat gegen die chinesische Han-Armee verteidigten.
Das nächste Mal komme ich mit Glasschneider.













"Warum sollte ich im Urlaub in ein Kunstmuseum gehen – ich geh ja zu Hause auch nicht in Kunstmuseen."
Ja dann geh halt zu Hause auch mal in ein Kunstmuseum. Was ist eigentlich los bei dir? Kunstmuseen sind fantastisch – in der Heimat, aber gerade auch in der Ferne.
Zum einen gibt es Kunst – das ist schon mal ein ziemlicher Gewinn.
ABER! Wenn man sich schon Hals über Kopf in eine andere Kultur stürzt, lohnt sich ein Blick auf ihre Kunst. Wer waren diese Leute, wann haben sie gelebt und warum haben sie gemalt, was sie gemalt haben?
In einem repräsentativen Museum eines sozialistisch regierten Landes wie Vietnam ist diese Verbindung von Kunst und Kultur natürlich besonders spürbar – auch ganz unverblümt in den (ausschließlich auf Vietnamesisch) gezeigten Zitaten Ho Chi Minhs, in denen er sich an die KünstlerInnen des Landes richtet:
“Culture and art are a battlefront. You are soldiers on that front.”
Let’s go, Uncle Ho!
Viele Werke zeigten sich dementsprechend kämpferisch-patriotisch (mit einem HAUCH Propaganda), aber auch anklagerisch und traumatisiert in den Arbeiten, die während des und in Reaktion auf den Amerikakrieg entstanden sind.
Zudem kann man die verschiedenen kulturellen Einflüsse auf die vietnamesische Kunstgeschichte sehen – etwa den Einfluss französischer Impressionisten oder die Verwurzelung chinesischer Lackmalerei in der eigenen Landeskunst.
Und als wäre das alles noch nicht genug, bietet das Museum an sich natürlich auch eine bodenlose Quelle an Einblicken in die vietnamesische Kultur: Was wird ausgestellt? In welchen Räumlichkeiten? Wer besucht das Museum? Und wie verhalten sich die Menschen? Geil.
Die alte, opulent-koloniale Villa, in der das Fine Arts Museum HCMC untergebracht ist, kann ohne Zynismus als das zentrale Ausstellungsstück des Museums betrachtet werden. Die zur Schau gestellte Grandiosität der französischen Besatzer – die langen gefliesten Gänge, majestätischen Treppenhäuser und Rundbogenräume – zerbröckelt langsam, die Restaurierungsanstrengungen ein scheinbar nicht zu gewinnender Krieg, während um das Museum herum glitzernde Wolkenkratzer und Einkaufszentren aus dem Boden gestampft werden – die neue Grandiosität des modernen Vietnams.
Und doch finden sich viele junge VietnamesInnen hier ein: gekleidet in traditionellen Gewändern posieren sie für ihre Social-Media-Feeds vor den Highlights der Ausstellung.
Was ist das? Eine unproblematische, ja fast schon inspirierende Verbindung zum eigenen Land?
Ich wage es kaum zu sagen… p-p-p-positiver Patriotismus?
Oder vielleicht doch Indoktrinierung eines sozialistischen Machtapparates?
In erster Linie ist es mal Kulturschock.
Ich bleib dran.
'A Mother Joins The Resistance' von Trần Thị Hồng (1979)
Ganz in den Fußstapfen meiner kolonialisierenden Vorgänger versuche auch ich mich einmal am Kunstraub lokaler Werke, um sie dem heimischen Publikum zu Zwecken der kurzweiligen Erheiterung zu präsentieren – den Zeiten angemessen als 3D-Scan. Ein perfektes Verbrechen ohne Opfer. Hoffentlich.
Diesmal gibt es die Bronzeskulptur einer älteren Frau, die die Faxen dicke hat.
Mit der 3D-Scan-App auf dem Handy laufe ich also so unauffällig wie möglich einmal um das Kunstwerk herum, um alle Seiten einzuscannen. „Nur ein dummer Tourist hier, der ein Video macht!“
Keiner hat irgendetwas bemerkt.
Exquisit!
Ich kann zumindest den Nervenkitzel nachempfinden.



Die Suche nach dem perfekten vegetarischen Banh Mi geht weiter.
90 Minuten saß ich vor Bon’s Vegan Bistro und habe mir exotische Drinks gegönnt, weil aus undurchschaubaren Gründen die Sandwich-Bestellung den Laden vollkommen überforderte.
Sie meinten, Tết beginnt heute – deswegen (vietnamesisches Neujahrsfest). Dabei ist das noch ein Monat hin! Ich glaube irgendwas war alle und offene Kommunikation schwierig.
Naja. Drinks waren sehr lecker. Irgendwas mit Hibiskus, Kombucha und frischen Früchten.
Ganz im Ernst: Getränke sind meistens spannender als das Essen.
Zum Essen gibt’s entweder Nudelsuppe mit Knorpel, belegte Brötchen oder Reis-mit-Scheiss. Kann man alles essen.
Aber die Getränke! Was es da nicht alles gibt. Ich werde in Zukunft mehr Fokus darauf legen.
Und Katzenglotzen konnte man auch.
Das vegetarische Banh Mi war in Ordnung, aber nicht 90-Minuten-warten-gut. 6 von 10



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Wenn die Straßen Ho Chi Minh Stadts zu eng und laut werden, bleibt immer noch der Fluss.
„Saigon“ ist dabei nicht nur der alte Name der Stadt, sondern auch der Name des Flusses, der sich durch sie schlängelt.
Auf ihm fährt der kreativ benannte Saigon Waterbus: ein Versuch, die Menschenströme der Stadt auf weniger genutzte Wege zu lenken und für mich die Gelegenheit, das Chaos aus sicherer Entfernung wahrzunehmen.
Die Wassertaxen starten etwa alle 30 Minuten und das Boarding war trotz erheblichem personellen Aufwand vor Ort chaotisch und etwas undurchschaubar (wie so oft in Vietnam), funktionierte mit etwas Geduld und Verspätung am Ende natürlich trotzdem (wie so oft in Vietnam).
Der Fluss Saigon ist gigantisch. Die weit entfernten Ufer, an denen sich moderne Wolkenkratzer-Wohnsiedlungen an slumartige Blechhütten und verwuchertes, zum Stillstand gekommenes Bauland reihen, wirken surreal und helfen meinem kohärenten Stadtempfinden nur bedingt.
Dennoch keine schlecht investierten 30.000 VND (1 EUR).
Mein Plan, an der Endstation ein bei Google Maps rausgesuchtes vegetarisches Banh-Mi-Restaurant aufzusuchen (ja – ich habe eventuell ein Banh-Mi-Problem), scheiterte an der Nicht-Existenz des Restaurants.
An der angegebenen Adresse gab es nur ein imposantes Privatgrundstück mit hohen Mauern und einen verärgerten vietnamesischen Onkel, der mich kompromisslos wegscheuchte – womöglich war ich nicht der erste selbstgefällige Fremde, der hier sein vegetarisches Glück suchte.
1-Sterne Google Review ging trotzdem raus ;-)





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Nach Vietnam zum Chinesen-gucken. Das ist genau mein Ding.
Warum weiß ich nicht mehr genau, aber aus irgendeinem Grund wollte ich mal etwas raus aus dem Zentrum (District 01) und zack! bin ich in Cholon gelandet – einem Stadtteil von Ho Chi Minh, in dem über 1 Mio. Chinesen leben.
Das Gefühl der Fülle, der Übersättigung von Geräuschen und Lärm, Bildern und Visionen, Gerüchen und Gestank, von Überlagerung und chaotischer Vermischung – das alles kann man auch im Zentrum Saigons erleben, aber in Cholon wird dieser Dauerbeschuss von Eindrücken nochmal einmal multipliziert.
Die einfach zugänglichen Rückzugsorte, wie Straßencafés und Convenience Stores, die einem in moderneren Bereichen der Stadt eine Verschnaufpause erlauben, sind hier sporadischer; dafür buntes Markttreiben mit freilaufenden Hühnern, an der Straße spielende Kinder und mehr Ratten, als man ignorieren kann.
Cholon hat alle Elemente, die an Ho Chi Minh herausfordernd sind, im Überfluss und nur wenige der Annehmlichkeiten und ist damit ein guter Litmustest dafür, wie stark man sich bereits eingelebt hat.
Ich kann ehrlich sagen, an Tag 3: noch nicht so sehr.
Aber geile Fotos, oder?



Veggie Quest 03 in Cholon war natürlich kein Problem – bei 1 Mio. chinesischen Einwohnern gibt es zumindest eine Handvoll buddhistisch motivierter pflanzlicher Restaurants.
Die Regeln, die ich in VQ01 über das Wesen vegetarischer Restaurants in Vietnam aufgestellt habe, kann ich natürlich nur zu solchen machen, weil sie sich auch im Restaurant Cơm Chay Tuệ Đức genau so wiederfanden. Zur kurzen Wiederholung:
- pflanzliche Hauptgerichte ausschließlich in “Chay”-Restaurants – check!
- diese sind buddhistisch spirituell angehaucht – check!
- Pflanzen und minimalistische Einrichtung – check!
- keiner da sonst – check!
Zu essen gab’s dieses mal Sommerrollen, die zwar in Plastikfolie eingewickelt serviert wurden, aber leider dennoch nicht besonders frisch wirkten.
Hauptgericht waren aber die frittierten Nudeln – und damit meine ich wirklich nicht einfach gebratene Nudeln, sondern einen ganzen Teller komplett knusprig frittierter Nudeln, die sich dann langsam etwas in der Soße / dem Tofu / dem Gemüse aufweichten. Eigentlich ein bisschen wie so ein Pommes-Dönerteller, wenn man alle Zutaten mit einer anderen austauscht, also sehr geil.
Ich erwärme mich auch zusehends für das keine-anderen-Gäste-Prinzip – insbesondere nach einem Tag in Cholon. Kleine Abzüge wegen der unfrischen Plastikfolien-Sommerrollen. Sagen wir mal 7,5 von 10.
Es gab auch endlich mal gute (frische) Chili-Optionen, aber das ist noch kein ausreichender Beweis dafür, dass vietnamesisches Essen scharf ist.




"Ich glaube, du bist der erste Mensch, von dem ich gehört habe, der in dieser Stadt Bus fährt", Zitat Kontaktperson_02 (seit einem Jahr hier) und Kontaktperson_03 (seit acht Jahren hier).
Geschafft. Direkt an Tag 1 mein Herausstellungsmerkmal in dieser Nomadengesellschaft gefunden.
“Do you know Malte?” “What’s a Mol-tea?” “No, I mean the guy that’s using the bus.” “Oh that crazy dude? For shizzle!”
(ein Dialog, wie er hier mit großer Sicherheit ständig geführt wird)
Die Busse sind winzig. Klimaanlage haben sie trotzdem. Sitzplätze gibt es fast immer noch freie und meistens neben dem Busfahrer sogar eine schaffnende Person, die einem zeigt, wo man sitzen soll und kassieren kommt (20 Cent pro Fahrt).
Fahren tun sie nicht besonders regelmäßig.
Die Route sucht Google Maps raus, ohne das ich keine Ahnung hätte, wo ich bin, welche Busse da fahren oder wo ich aussteigen muss.
Zum Einsteigen muss man sich den Bus durch eine für Deutsche leicht zu merkende Handbewegung ranrufen, was immer spannend ist, weil Busse auch bei 8-spurigen Straßen einfach IMMER auf der Spur ganz links fahren und dann erstmal 20 Mopedfahrer verdrängen müssen, um an der Haltestelle zu halten. Geht aber immer gut aus.
Hivemind? Muss man beobachten.



Bus. Fuß. Das reimt sich, denn es gehört zusammen. Wer Bus fahren will, muss halt den Rest der Reise laufen.
Beim Laufen durch Ho Chi Minh wird schnell klar, warum sich die Leute lieber direkt von Punkt A nach B per Moped kutschieren lassen. Bullet-Point-Time!
viele Straßen haben einfach keine Fußgängerwege
andere Straßen haben Fußgängerwege, aber diese werden entweder von Streetfood-Ständen mitsamt Sitzhockern, parkenden Mopeds, Müll oder fahrenden Mopeds genutzt
es läuft sich also am besten auf der Straße
Fußgängerübergänge sind… einfach nein.
Die sicherste Methode zum Überqueren einer Straße ist es, einfach in gleichbleibendem Tempo rüberzugehen, dann können die Mopedfahrer besser einschätzen, wie sie haargenau um dich herumfahren können, ohne das eigene Tempo mindern zu müssen
Wenn man eine Straße mit vollgenutzten 16 Spuren überqueren muss, hilft es beim schnurstracks Draufloslaufen, die Arme hochzuhalten. Das erhöht die Chance, von allen 500 Mopeds, die sich bei diesem Manöver koordinieren müssen, gesehen zu werden.
Wenn es doch noch Zweifel gibt, wartet man auf einen Vietnamesen und läuft in dessen Moped-Schatten mit
Die Bilder zeigen alle eher ruhigere Straßen. Das liegt daran, dass ich bei vollen Straßen stark damit beschäftigt bin, meinen eigenen obigen Anweisungen zu folgen ohne dabei komplett auszurasten.
Außerdem ist Handy-Klau von vorbeifahrenden Mopeds eine gängige Praxis in Ho Chi Minh. Und BOY! wäre ich in dieser Stadt verloren ohne Handy… das wird einen sehr guten Eintrag geben, wenn das mal unweigerlich passiert.


Die erste Woche ist planmäßig Touristen-Zeit. Das heißt aber nicht nur Sandaletten mit weißen Tennissocken, sondern auch Crashkurs in der Geschichte und Kultur des Landes.
Das War Remnants Museum war ein logischer Anlaufpunkt, um über Verlauf und Folgen des “Amerika-Krieges”, wie er hier heißt, zu erfahren. Der Besuch war ein ganz schön ungebremster Schlag in die Magengrube, insbesondere die Foto-Ausstellung der Opfer des Giftgases Agent Orange, welches Verformungen der menschlichen Physis hervorgebracht hat, die selbst mir mit jahrelanger Erfahrung in der Behindertenpädagogik die Sprache verschlagen haben.
Die gesamte Ausstellung war merklich nicht nur an das vietnamesische Publikum als Geschichte der eigenen Resilienz, sondern auch stark an ein internationales Publikum gerichtet – sowohl mit Anerkennung der internationalen Friedensbemühungen als auch mit ziemlich deutlichem Anklagefinger in Richtung USA. Ich hatte den Eindruck, die zahlreichen amerikanischen Gäste wussten gar nicht, wohin mit diesen seltsamen Gefühlen der vererbten, stellvertretenden Schuld.
Erinnerungskultur trifft Schadenfreude. Ich hab mich selten so deutsch gefühlt.
Das Museum war nach westlichen Standards sehr einfach in Präsentation und Didaktik, vieles wirkte handgemacht, wie ein Studentenprojekt. Dennoch – oder vielleicht gerade deshalb – hatte der Besuch etwas besonders Eindrückliches, Lokales und Direktes.
Ich hab kaum Fotos gemacht, weil ich geistig beschäftigt war, aber was soll ich auch Museen fotografieren. Da muss man halt selbst hin. (Sagt er und macht im nächsten Museum 1000 Fotos.)


Veggie Quest geht weiter und auf nichts hab ich mehr Bock, als auf Veggie-Versionen von Banh Mi – vietnamesischen Sandwiches mit übertrieben knusprigem Baguette-Brot, eingelegtem Gemüse, frischen Kräutern und Salat, leckeren Soßen, Eiweißquelle nach Wahl und... ...ähm... ...Leberwurst?
Banh Mi Xanh macht auf jeden Fall genau das und heute hab ich mal Spicy Tofu als Eiweiß genommen und die Leberwurst haben sie, glaube ich, einfach weggelassen. Hat man leider auch gemerkt. Der Umpf! hat etwas gefehlt, aber dennoch keine schlechte Mahlzeit. Und da der Laden sehr klein war, fiel es auch nicht so auf, dass ich der einzige Gast war. 07 von 10.
Es war auch nicht wirklich spicy und ich stelle hiermit die Behauptung auf: “Vietnamesische Küche ist überhaupt nicht scharf.”
Prove me wrong Vietnam (aber knallt mich bitte nicht ab).





Fliegen ist und bleibt wild.
Und um die halbe Welt fliegen ist extra wild.
Aber durch kultivierte Unterhaltungs- und Informationsbeiträge – wie die beruhigende taiwanesische Absturzanweisung und das Bingen von The Last of Us Season 2 – lässt sich die Wildheit gerade so managen.
Die Immigrationsdienste am Zielflughafen Ho-Chi-Minh-Stadt sind legendär dafür, nach dem langen Flug noch mehrere Stunden zu dauern.
Deshalb kann man Dienstleister dafür bezahlen, einen als behindert gelten zu lassen, um so in die Priority-Lane zu kommen.
Das hab ich mir dieses Mal gespart – dafür brauche ich nun wirklich keine Dienstleister. Hat dann auch gar nicht so lange gedauert.
Mein erstes Ziel war dann Hotel-mit-Pool-auf-Dach – meine Bleibe für die erste Woche und ohne Frage eine meiner besseren Entscheidungen im Leben.



Eine mir bekannte Frage stellt sich noch am abend von Tag 0: Wie stark dem Vegetarismus treu bleiben und wie sehr sich der lokalen Küche öffnen? Im Zentrum der größten und modernsten Metropole kann man es sich schon erstmal leisten, sich das vegetarische Angebot anzusehen, ehe man seine Prinzipien über Bord wirft – deshalb startet direkt am nullten Tag die Serie "Veggie Quest".
Vegan/vegetarisches Essen scheint eher eine Alles-oder-nichts-Geschichte zu sein: Während die meisten Restaurants ausschließlich tierzentrierte Gerichte anbieten (und die Gerichte auch danach benannt sind), sind es “Chay”-Restaurants, die ausschließlich vegane oder vegetarische Küche anbieten und oftmals einen buddhistischen oder sonst wie spirituellen Hintergrund haben – das merkt man auch schnell beim Reinkommen:
kleine Schreine, viele Pflanzen, reduzierte Einrichtung. Und eine für Ho Chi Minh ungewöhnliche Stille.
Was auch daran liegen könnte, dass man der einzige Gast ist. Muss man halt mögen.
Erstes “Chay”-Restaurant hieß dann auch direkt “Bếp Chay”, lag in der Nähe und es gab direkt das volle Mock-Kitchen-Programm: “Vegan Roasted Pork with Pickled Mustard Greens”.
Ordentlich marinierte Soja-Chunks (mit diesem sehr süßlichen, asiatischen BBQ-Flavour) mit ein paar Salatblättern, leicht eingelegtem Senf-Gemüse, Reis, einem Soja-Chili-Sößchen und drei Stück Gurke. Solide, aber auch keine Offenbarung – hätte ich auch easy selbst hingekriegt ;-)
Eis”tee” mit echtem Pfirsichsirup und viel Eis ging aber gut rein.
In Verbindung mit der leicht bedrückenden Atmosphäre eines leeren, zweistöckigen Restaurants sagen wir mal 6 von 10.




Nach 26 Stunden Anreise ein wenig wie auf Drogen die ersten Gehversuche durch die Nachbarschaft gemacht – mit freundlicher Unterstützung von Kontaktperson_01 (Entscheidungen über Naming-Conventions und Anonymität stehen noch aus).
-
Erkenntnis: Wenn man Kaffee mit der doppelten Menge gesüßter Kondensmilch streckt und mit der 5-fachen Menge Eiswürfeln serviert, wird daraus plötzlich ein wohlschmeckendes Kaltgetränk.
-
Das Baguette-Brot ist wirklich sehr knusprig. Relikt aus der Kolonialzeit? Sicherlich. Trotzdem eines der geilsten Weißbrote. Kann mich nicht daran erinnern, dass das in Frankreich ähnlich gut war. Und vom deutschen Weißbrot will ich mal gar nicht anfangen. Und Zack! Vaterlandsverrat aufgrund von Weißbrot.
-
Fußgänger, Moped- und Autofahrer sind sowohl auf dem Fußgängerweg, engen Gassen als auch auf 16-spurigen Hauptstraßen jederzeit gleichrangig, und wer zuerst kommt, geht zuerst, und die einzige Gefahr besteht im Zögern. Das ist zumindest meine Hypothese – ich werde diese weiter testen und berichten.
Das “Guta Cafe”-Cafe ist dann direkt meine alltägliche Anlaufstelle geworden, weil man da herrlich sitzen und glotzen konnte, während man sich mit Koffein vollpumpt.